Heute wird es „ruppig“

LAGO DI LEDRO: 4. TOURTAG / Donnerstag, 20.6.2019 – Ich höre schon das Wehklagen, wenn unsere Motorräder am Gipfelplateau des Maniva ausrollen werden. Die schmale Straße, die bis auf 1664 Meter ansteigt, ist übersäht mit Frostaufbrüchen. Klein, schmal, meist gerade einmal autobreit und reichlich unübersichtlich geht es stetig bergan. Immerhin: zwischenzeitlich ist die Strecke durchweg asphaltiert.

Kurz vor neun sitzt Lutz noch ganz entspannt vor dem Hotel und genießt die sieben Minuten, die ihm noch bis zum Start bleiben. Unterdessen „kämpfen“ Felix und Charly mit ihren Navi.


Bei strahlendem Sonnenschein starten wir Richtung Storo. Die Route führt über den kaum wahrnehmbaren Passo dell‘ Ampola in gut ausgebauten Kehren talwärts. Kurz hinter dem kleinen Bergdorf Bagolino findet sich linker Hand der Einstieg zum Maniva.


In Bagolino gab es wahrscheinlich bereits schon zur Römerzeit eine strategisch wichtige Pferdewechselstation. 1440 geriet das „kleine Dorf“ unter die Herrschaft Venedigs, dass es nur ein Jahr später seinen hilfreichen Verbündeten, den Grafen von Lodrone als Lehen überließ. Rund 30 Jahre mussten sich die Bewohner fortan gegen die Willkür der neuen Herrscher wehren, bis Venedig das Lehen wieder aufhob und Bagolini in die Unabhängigkeit entließ.

1815 fiel die Gemeinde mit der Lombardei und Venetien an Österreich. Bald darauf wurde die Straße von Anfo nach Bagolino gebaut. Angesichts der damaligen katastrophalen wirtschaftlichen Lage trägt diese bis heute den Namen „Hungerstraße“. Doch es gab auch andere, viel bessere Zeiten. Der Reichtum an Buchenwälder und das Wasser des Caffaro ermöglichten den Bau eines Schmelzofens. Dieser, sowie die namhafte Herstellung von Bergkäse, sorgten über viele Jahre für Wohlstand.

Die überwiegend mittelalterlichen Gebäude in Bagolino gruppieren sich malerisch um die barocke römisch-katholische Pfarrkirche San Giorgio, auf die wir bei der Fahrt hoch auf den Maniva immer wieder einen Blick erhaschen.

Für meine alte G/S liegt eine tolle Wegstrecke vor uns. Die Federelement werden ordentlich gefordert, es rumpelt und schüttelt in einem fort. Die größten Löcher im Asphalt nehme ich mit viel Schwung und quasi im Flug, ansonsten gilt es die „Ideallinie“ zwischen all dem Split und den Frostaufbrüchen zu finden.

An meinem Nummernschild kleben Lutz und Felix. Die beiden 1200 RS-Fahrer lassen es – trotz des mehr als schlechten Belags – einfach nicht abreißen. Wir fliegen der Passhöhe förmlich entgegen, dort angekommen ist nur ein leichtes Grummeln zu vernehmen. Die GS-Fahrer aber, die mit deutlichem zeitlichen Verzug am Maniva eintreffen, schimpfen – trotz ordentlicher Federwege – wie die Rohrspatzen. Ich hatte es geahnt …

Die nächsten Kilometer durchs „Valle Maniva“ verkaufen deutlich entspannter. Die Straße ist gut ausgebaut und in einem wesentlich besseren Zustand; sie folgt dem mäandernder Lauf des Flusses Mella, der schon im ersten Jahrhundert vor Christus vom römischen Dichter Gaius Valerius Catullus erwähnt wurde.

Links und rechts tauchen immer wieder die Ruinen alter Minengebäude auf. Im Valletrompia durfte, laut einem Dekret aus dem Jahr 1576, „jede Person, die ein Medolo zum Zeichnen des Eisens herstellen möchte, es dort beginnen, wo es ihr gefällt, und an jedem Ort und in jedem Gebiet, das sie mag.“ (Schlechte Google-Übersetzung eines italienischen Textes, sorry)

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Eine der vielen verfallenen Minenanlagen im Valletrompia

Zwischen Pezzaze, Bovegno und Collio entwickelt sich so im Laufe der Jahrhunderte ein ganzes Netz von Wegen und Tunneln, die oft miteinander verbunden waren. Entlang der so genannten „Via del Ferro“ entstanden Anlagen zur Aufbereitung der abgebauten Mineralien sowie Schmelzöfen und Hämmer; eine bis dahin einzigartige Produktionskette zur Herstellung von Waren für den Handel. Seit einiger Zeit wird überlegt, die Zeugnisse der Geschichte touristisch zu nutzen.

In Tavernole sul Mella halten wir für eine kurze Pause. Eine kleine Bar, direkt am Abzweig zum Passo Marmentino gelegen, lädt zum Verweilen ein. Wir ordern Kaffee und Wasser, versagen uns aber all der Leckereien, die hier sonst noch angeboten werden.

Die nächsten Kilometer sind ein wahres Fest. Dank zumeist gut ausgebauter Kurven und Kehren kommen wir zügig voran. Jetzt bräuchte ich den Bordcomputer der neuen BMWs, der auch die Schaltvorgänge registriert. Denn das Getriebe wird bis zum nächsten Stopp ordentlich strapaziert: vor jeder Kurve runterschalten und die Bremswirkung des Motors nutzen, einlenken, am Kurvenausgang rausbeschleunigen, ein zwei Gänge durchs Getriebe steppen und vor der nächsten Kehre wieder runterschauten – so geht das ohne Unterlass.

In diesem „Kurvenrausch“ gilt es aufzupassen, den Abzweig zur kleinen Kirche „Chiesa della Madonna delle Cornelle“ nicht zu verpassen, die direkt an der Straße zwischen Teglie und Cornelle liegt – besser gesagt führt die Straße direkt durch den Portikus des kleinen Gotteshauses. Wer aus der Kirche kommt und nicht aufpasst, läuft Gefahr unter die Räder zu kommen …

Wir legen einen Fotostopp ein und genießen die Aussicht aufs Valle Sabbia. Die Marienkirche selbst wurde im 16. Jahrhundert errichtet und hat einen achteckigen Grundriss. Im Inneren befindet sich ein Fresko, das einen dramatischen Moment des spanischen Erbfolgekrieges zeigt, bei dem die Provinz Brescia von kaiserlichen Truppen angegriffen wurde.

Nachdem wir die Fahrt fortgesetzt haben, erreichen wir bald darauf Vobarno. Hier zweigen wir in ein langes Seitental ab, das uns auf einer zumeist schmalen und stellenweise sehr abenteuerlichen Straße zur Wallfahrtskirche „Madonna di Rio Secco“ nahe Capovalle führt.

Die prächtige Kirche „Madonna di Rio Secco“ steht auf einem kleinen Plateau und soll den Schutzheiligen der Holzfäller und Köhler geweiht sein. Erbaut wurde sie 1715 nach einer Marienerscheinung. Leider ist das Gotteshaus nur Sonntags und Dienstags geöffnet, so dass wir vor einer verschlossenen Kirchenpforte stehen. Nicht weiter schlimm, ein Besuch ist auch so lohnend. Denn: Hier wurde ein Tunnel direkt neben dem Gotteshaus gebaut – ein weiteres Kuriosum dieser Tagestour.

Nach dem obligatorischen Fotostopp ist der Monte Stino unser nächstes Ziel. Hier wartet Lucia schon mit dem Mittagessen. Bis hinauf auf 1467 windet sich das kleines Sträßchen, das von Capovalle direkt auf den Gipfel führt und auf einer Distanz von gut vier Kilometern einen Höhenunterschied von fast 500 Metern überwindet.

Einige Infotafeln weisen darauf hin, dass auch hier oben im Ersten Weltkrieg heftig gekämpft wurde – bis 1918/1919 grenzte das österreichische Kaiserreich südlich von Riva und quer durch die westlichen Gardaseeberge an das italienische Königreich. Neben einer Gedächtniskapelle findet sich auf der Hochfläche des Monte Stino deshalb auch ein kleines Museum (Museo reperti storici guerra) mit Schützengräben und Verteidigungsstellungen. Der Blick hinunter auf den Lago d’Idro verdrängt jedoch schnell die Gedanken an die Gräuel jener Jahre.

Auf der Sonnenterrasse des Rifugio Monte Stino kümmert sich Lucia fürsorglich um uns. Wie so oft, entscheiden wir uns „nur“ für die Vorspeise und genießen fantastische Pasta in unterschiedlichster Zubereitung. Und weil uns der leckere Kuchen auf der Theke so unwiderstehlich anlacht, darf der es heute auch als Nachtisch sein.

Wären wir mit dem Mountainbike da, würden wir jetzt vielleicht die 136 Kehren unter die Räder nehmen, die hinunter zum Idrosee führen. Im Internet heißt es dazu: „Einerseits ist die Weganlage sensationell, und bietet der Trail immer wieder traumhafte Ausblicke. Andererseits sind gefühlt 100 der 136 Kehren nur mit Versetzen des Hinterrades fahrbar. Wer diese Technik nicht beherrscht, wird also sehr häufig absetzen müssen, was den Flow etwas bremst. Immerhin sind die Geraden zwischen den Kehren nie problematisch. Die letzte Querung der Tour von Vesta nach Baitoni bietet nochmals einige heikle Abschnitte. Hier herrscht stellenweise klar Absturzgefahr, größte Vorsicht ist angebracht!“ Dafür soll die Aussicht aber grandios sein.

Unser Ziel ist nun der Gardasee. Vorbei an knatternden Vespafahrern führt die Strecke führt vorbei am malerischen Stausee „Lago di Valvestino“, dann ist das Westufer des Lago erreicht. Hier fahren wir durch zahlreiche Tunnels, die Ende der 30er Jahre in den Fels geschlagen wurden, um die kleinen Ortschaften auch auf dem Landweg erreichen zu können.

Schon 1845 war die Notwendigkeit einer Straßenverbindung in Erwägung gezogen worden. Streitigkeiten zwischen Italien und der Donaumonarchie über die Grenze bei Limone verhinderten jedoch zunächst den Bau.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten sich die Verhältnisse geändert und der italienischen Staat war allein schon aus militärischen Gründen an der Erschließung des Gardaseeufers interessiert. Im Jahre 1928 wurde deshalb das „Consorzio Interprovinciale per la Strada Gargnano-Riva“ gegründet und noch im gleichen Jahr mit dem Bau begonnen. Trotz schwieriger Geländeverhältnisse konnten die Arbeiten schon im September 1931 abgeschlossen und die „Gardesana Occidentale“ am 18. Oktober 1931 eingeweiht werden.

Im Zweiten Weltkrieges wurden einige der Tunnel- und Galeriebauwerke zu Rüstungsfabriken umfunktioniert. So wurden dort – unter dem Decknamen Condor – ab dem Herbst 1943 bis zum Kriegsende 1945 unter anderem Waffen und Flugzeugmotoren für die deutsche Kriegsmaschinerie gebaut.

Zwischenzeitlich wurde die Streckenführung mehrfach geändert und viele kurze Tunnel durch einige wenige lange ersetzt. Die alten Verbindungsstraßen können noch mit dem Fahrrad befahren werden. Trotzdem treffen wir auf der westlichen Uferstraße immer wieder Biker, die – nur schlecht oder gar nicht beleuchtet – durch die neuen Tunnel fahren und dabei den ganzen Verkehr aufhalten, weil sie von Autos und Bussen nicht überholt werden können.

Wir schwimmen im Verkehr mit, der heute ein einigermaßen zügiges Fortkommen erlaubt. Jetzt wollen wir zur Brasa-Schlucht, die Winston Churchill einmal als „das achte Weltwunder“ bezeichnet haben soll. Die schmale Straße, die stellenweise dem Lauf des kleinen Flüsschens Brasa von Tremosine hinunter zum Gardasee folgt, ist angesichts ihrer Streckenführung atemberaubend.

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Bald haben wir den Abzweig zur Brasa-Schlucht erreicht

Bis zum Jahr 1913 mussten die Bewohner der Tremosine-Hochebene alles, was sie zum Leben brauchten, auf den Schultern und über steile Pfade vom See hinauf in die Berge tragen. Ein mehr als mühsames und auch gefährliches Unterfangen.

1908 wollte der damalige Pfarrer von Vesio, Giacomo Zanini, einen „einfachen Zugang zum See“ schaffen und vergab an Signiore Arturo Cozzaglio einen entsprechenden Auftrag, der daraufhin die halsbrecherische Route durch die Brasaschlucht entwarf. Nach nur vier Jahren Bauzeit konnte die Strecke am 8. Mai 1913 bereits offiziell eingeweiht werden.

„Leider“ wurden zwischenzeitlich einige besondere Engstellen der „Strada della Forra“ entschärft und neue Tunnel gebaut. Zudem regelt am Wochenende eine Ampel die Zufahrt. Wir müssen uns gleich zu Beginn an zwei sich gegenüber stehenden Autos vorbeikämpfen, deren Fahrer nicht so genau zu wissen scheinen, wer jetzt Platz für den anderen machen sollte – und vor allem wie?

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Durch diese Lücke sollten unsere Motorräder doch passen, oder?

Gelegentlich laden kleine Parkplätze dazu ein, die einmalige Aussicht auf den See zu genießen. Genau diese Haltebuchten sind auch der Grund, auf eine Grünphase nicht zu vertrauen. So mancher fährt hier einfach weiter, wenn er genug gesehen hat.

Nach ein paar Engestellen, die es wirklich in sich haben, erreichen wir die „Schlüsselstelle“, die eigentliche Schlucht. Die schmale Straße schmiegt sich dicht in den Fels, der sich über uns öffnet – fantastisch.

James Bond-Fans sollte die „Strada della Forra“ aus „Ein Quantum Trost“ bekannt sein. Einige der Schlüsselszenen wurden hier gedreht.

Es wird Zeit für eine Kaffeepause – und auch die soll heute für erhöhten Puls sorgen. Wir fahren zum Hotel Paradiso in Pieve di Tremosine, das für seine „Schauderterrasse“ berühmt ist. 400 Meter hoch über dem Gardasee gelegen, bietet sie allen Mutigen und Schwindelfreien einen einmaligen Blick auf den See.

Eine halbe Stunde später sind wir wieder im Hotel. Ich nutze noch die Gelegenheit, beim angeblich besten Metzger im Ledrotal eine leckere italienische Salami zu kaufen.

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Eine davon wird gleich mir gehören …

Ein erlebnisreicher Tag liegt hinter uns, den wir beim Feierabendbier noch mal Revue passieren lassen. Nach dem Duschen wartet dann wieder ein leckeres Abendessen auf uns. Heute gibt es eine feine Kartoffelsuppe mit Schnittlauch und Würstchen, Buchweizen-Cremes mit Käse und Wurst sowie gebratenes Kaninchen, mit Kartoffelpüree und einer Bratensoße aus Most. Und natürlich einen Nachtisch. Jeder Gang muss natürlich im Bild festgehalten werden.

So langsam wird es Nacht in Piere di Pedro. Morgen wollen wir ins Monte-Baldo-Massiv fahren.

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