Auf halber Strecke: Briancon

Der Tag verspricht schön zu werden. Wie vorhergesagt: blauer Himmel und Sonnenschein. Ich genieße das „kleine Frühstück“, trinke beim Packen noch einen Espresso am Motorrad“ und verschwätze mich mit der Chefin des Hotels vorm Losfahren. Da ich in den nächsten Tagen allein unterwegs sein werde, ist das nicht weiter schlimm. Das „Zeitmanagement“ liegt allein in meinen Händen.

Um halb zehn geht es endlich los. Gegen Abend will ich in Briançon eintreffen und auf den gut 300 Kilometern bis dorthin mindestens sieben Pässe, darunter den 2770 Meter hohen Col de I’Iseran unter die Räder nehmen, den höchsten überfahrbaren Gebirgspass in den Alpen. Die Chancen dafür stehen heute gut.

Doch erst einmal komme ich nicht allzuweit. Kaum losgefahren, halte ich an der Schrägseilbrücke „Point de la Caille“ für einen ersten Fotostopp. An dem imposanten Bauwerk war ich vor vier Wochen, auf der Fahrt in die Cevennen, schon mal vorbei gefahren, jetzt will ich mir ein wenig Zeit für eine kleine Besichtigung nehmen.

Weiter geht’s in Richtung Annecy und über die erstaunlich attraktive D909 nach La Clusaz. Mächtige Felsformationen bauen sich links vor mir auf; angesichts des weiten Weges, der noch vor mir liegt, muss ein Schnappschuss reichen. Schon bald ist der Col des Aravis (1486 Meter) ausgeschildert, mein erster Pass des Tages „ist grün“, also befahrbar.

Kurvenreich steigt die Straße bergan; an der kleinen Kapelle lasse ich die G/S ausrollen, um ein paar Fotos zu machen. Auf dieser Reise will ich jedes Passschild einmal im Bild festhalten – dazu fehlt bei meinen sonstigen Reisen oft die Zeit.

Vom Col des Aravis zweigt rechter Hand ein kleiner Weg ab, der zum unbefestigten Col de la Croix-Fry führt. Den haben wir vor Jahren mal bei einer Endurowanderung unter die Stollenreifen genommen. Ich laufe ein Stück in diese Richtung, um ein paar Fotos zu machen, als ich sehe, wie sich eine Gruppe älterer Herren um mein Motorrad versammelt und gestenreich diskutiert.

„Was denn das für ein Motorrad sei, wo man das kaufen könne und was es koste“, wollen sie wissen, als ich zu meiner Maschine zurückkehre. Franzosen seien sie und einer übersetzt. Als ich ihnen sage, dass es sich bei meiner Maschine quasi um ein Unikat handele, da ich die alte G/S im Laufe der Jahre nach meinen Vorstellungen umgebaut habe und es dieses Motorrad insofern nicht zu kaufen gäbe, schauen sie noch ein wenig interessierter und empfehlen mir das Elsass als nächstes Reiseziel. Da kämen sie her und würden nun einen Ausflug in die Alpen machen. Wir wünschen uns gegenseitig noch eine gute Reise, wobei sie ein wenig wehmütig auf den Omnibus zeigen, mit dem sie unterwegs sind.

Ich mache mich auf den Weg zum Col des Saisies und gerate auf halber Strecke in einen Almabtrieb. Die Herde nimmt die gesamte Straßenbreite in Anspruch, so dass die Kühe, laut bimmelnd, links und rechts an mir vorbeitraben – und ich ein herrliches Video drehen kann.

 

Vom Col des Saises (1650 Meter) ist es nicht mehr weit zum Col de Méraillet (1605 Meter). Der liegt in unmittelbarer Nähe zum malerischen Stausee von Roselend. Die D925 schlängelt sich durch eine malerische Landschaft – mit beeindruckenden Felsformationen und tollen Blicken auf den See. Bald ist mit der Cormet de Roselend (1967) der höchste Punkt diese Passstraße erreicht und damit fast die 2000er-Marke erreicht.


Während ich fotografiere rollt eine neue Afrika Twin an mir vorbei. Aus dem Helm baumelt ein geflochtener blonder Zopf. Die Fahrerin stoppt kurz, macht ein paar Bilder und fährt dann weiter – wir werden uns an diesem Tag noch öfter begegnen.
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Begegnung in der Einsamkeit der Berge

Meinen nächsten Fotostopp lege ich schon nach wenigen hundert Metern ein, als ich – inmitten einer Herde – eine Kuh entdecke, die majestätisch auf einem Felsbrocken steht und die Aufsicht zu führen scheint. Köstlich – das muss im Bild festgehalten werden.


Kurz hinter Bourg-St-Maurice finde ich ein malerisches Plätzchen für eine kleine Mittagsrast, bevor es weiter in Richtung Val-d‘Isere geht.

Die Landschaft ist nach wie vor atemberaubend; bevor einer der bekanntesten Wintersportorte Frankreichs erreicht ist, lege ich noch ein kurzer Fotostopp an der Barrage de Tigne und dem Lac du Chevril ein.

Jetzt, im Spätherbst, sind die Bettenburgen von Val-d‘Isere verwaist, wirkt der kleine Ort am Fuße der beiden „Hauseberge“ Solaise und Bellevarde wie ausgestorben. Seit 1934 verdient man hier mit Skifahrern sein Geld. Ich fahre über die Hauptstraße einmal quer durch die 1570 Einwohner zählenden Gemeinde und wundere mich ein wenig, dass der Ort auch ohne Schnee noch ein gewisses Flair ausstrahlt.

Gut 800 Höhenmeter liegen vor mir. Von 1930 Metern geht es rauf auf 2770 Meter. Kurvenreich und teilweise recht schmal windet sich die D902 an den Bergflanken entlang und bietet immer wieder prächtige Ausblicke. Oben am Col de I´Iseran (2770 Meter) stehen ein paar Motorrad- und Rennradfahrer. Meist sind wir Mitte September hier oben – da ist deutlich mehr los. Meine Bewunderung gilt einem Rollerfahrer, der seine Vespa nebst Sozia den Berg hinauf gescheucht hat.

Kurvenreich geht es auch wieder bergab, schnell noch ein Foto von Bonneval-sur-Arc gemacht, dann ist der Talboden erreicht. Auf den nächsten Kilometern verläuft die Straße gut ausgebaut und relativ gerade durch die Ausläufer des Parc National de la Vanoise.

Ich erinnere mich, dass wir vor vielen Jahren mal mit 30 Motorradfahrern in Lanslebourg-Mont-Cenis-Mont-Cenis übernachtet und den Iseran entgegengesetzt, von Süd nach Nord, befahren haben. Gestartet sind wir zeitversetzt in drei Gruppen. Doch eine lange Rotphase an einer Baustelle hatte zur Folge, dass wir letztlich doch im Pulk dem Pass entgegen fuhren. So mancher Autofahrer hat da bereitwillig Platz gemacht, als wir zum Überholen ansetzten und in einer nicht endenden wollenden Schlange an Motorrädern zum Gipfelsturm ansetzten.

Heute genieße ich die Stille und die Möglichkeit, immer dann anhalten zu können, wenn ich ein schönes Fotomotiv entdecke. Wie beispielsweise dieses hier:

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Idylle pur, unterhalb des Col de I´Iseran

Mein nächstes Ziel ist der Lac du Mont Cenis, den ich im über den Col de la Madeleine (1764 Meter) erreiche. Es wird Zeit für eine Kaffeepause. Das kleine Gasthaus linker Hand der Straße hat geöffnet. Die in Landestracht gekleidete Besitzerin bringt mir nicht nur eine große Tasse Café Creme sondern auch mehrere Blätter Papier. Auf denen hat sie in deutsch fein säuberlich die Geschichte dieses Übergangs niedergeschrieben. Von Hanibal und seinen Elefanten ist da zu lesen, von Napoleon und so manchem Ränkespiel der damals Herrschenden. Geschichten, von denen auch verschiedene „Skulpuren“ am Wegesrand erzählen.

Bei einer unserer Endurowanderungen sind wir schon einmal hier gestrandet, als sich Uli an der südlichen, unbefestigten Passage um den Stausee, ein Loch in die Ölwanne gefahren hatte und wir auf den Abschlepper warteten. Damals wurde uns die Geschichte noch persönlich von der Besitzerin erzählt, waren in unserer Gruppe doch mehrere der französischen Sprache mächtig. Solche Erlebnisse wird es nicht mehr geben, wenn Madame irgendwann nicht mehr unter uns sein wird. Irgendwie schade …

Ich genieße die prachtvolle Aussicht, fahre weiter zum Col du Mont Cenis (2048 Meter) und folge der Straße, die oberhalb des Stausees verläuft.

 

Am anderen Ufer lässt sich prima Endurowandern – leider sind die drei alte dort gelegenen Festungennicht mehr mit dem Motorrad erreichbar. Das nahe der D1006 gelegene Forte Kassa liegt in der Abendsonne, hoch über dem See – ein prächtiger Anblick.

Wenig später stürze ich mich in Kurven und Kehren Richtung italienische Grenze. Im Rückspiegel taucht die gewaltige Staumauer auf. Dann – ein kurioses Bild: die Leitpfosten neben der Straße – die nach Italien führt – sind alle weiß angemalt – das hat schon was von Kunstwerk. Nahe der Grenze lege ich den nächsten Fotostopp ein. Die dichte Wolkendecke, die sich über das Susatal legt und die verfallenen Reste des alten Kontrollpostens wollen im Bild festgehalten sein.

In Susa angekommen, muss ich mich entscheiden. Eigentlich wollte ich noch den stellenweise unbefestigten Finestre (2176 Meter) fahren und dort erstmals die Südrampe erkunden. Aber: die vielen Fotostopps, von denen ich keinen missen möchte, haben doch Zeit gekostet und wenn ich noch vor Einbruch der Dunkelheit in Briançon ankommen will, muss ich wohl die direktere Route über Salbertrand und Oulx wählen. Also setze ich den Blinker rechts und folge der SS24, die parallel zum Flüsschen Dora Reparia verläuft.

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Schweren Herzens – ich wähle den direkten Weg zurück nach Frankreich

Linker Hand taucht Forte di Exilles auf, eine der gewaltigsten Festungen im Alpenraum. Auch heute finde ich nicht die Zeit für eine Besichtigung …

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Im französisch-italienschen Grenzgebiet finden sich viele alte Festungen 

Das imposante Bauwerk wechselte im Laufe der Geschichte mehrfach den Besitzer, gehörte mal zu Frankreich, dann wieder zu Italien, sicherte wie ein Sperriegel einen Alpenübergang und wurde nach der Besetzung des Piemontes durch Napoléon Bonaparte 1798 dem Erdboden gleich gemacht. Mit der Wiederherstellung des Königreichs Piemont-Sardinien wurde an der Stelle der alten Burg ab 1818 ein Fort nach den modernsten militärischen Erkenntnissen errichtet; heute befindet sich in den restaurierten Räumlichkeiten ein Museum.

In Oulx tanke ich noch einmal voll und nehme bei Claverie wieder französischen Boden unter die Räder. Der Montgenèvre (1854 Meter) ist der letzte Pass des heutigen Tages, den ich erreiche, als die Sonne so langsam hinter den Bergen verschwindet.

Noch ein paar kurvenreiche Kilometer und ich habe mein Ziel, die Festungsstadt Briançon, erreicht. Das Hotel Edelweiss, in dem ich mich einquartiert habe, ist schnell gefunden. Es liegt zentral unterhalb der Altstadt und ist bei Motorradfahrern sehr beliebt.


Wenig später trifft auch Alex ein, mit dem ich meine Reise morgen fortsetzen will. Wir verabreden uns zum Abendessen und finden, nachdem wir den zweifachen Mauerring „überwunden“ haben, auch gleich ein nettes Lokal. „Ob wir denn reserviert hätten“, werden wir gefragt, was wir verneinen. „Un moment“, meint der Kellner und blickt suchend, fast schon schulterzuckend, in die Runde.

Wir haben Glück. Ein Ehepaar, das an einem Vierertisch sitzt ,gewährt uns „Asyl“. Sie vermuten schon, dass wir Motorrad fahren und wir erfahren, dass er ein paar Jahre in Dortmund gearbeitet hat. Damit erschöpft sich die Konversation aber auch schon – mangels Sprachkenntnis; schade.

Die beiden haben ein ordentliches Stück Fleisch geordert und ich sehe das Leuchten in den Augen von Alex. „Das könnten wir doch auch essen“, meint er – und so bestellen wir „le même chose, s’il vous plait“, als wir nach unseren Wünschen gefragt werden.

Satt und zufrieden spazieren wir durch die Altstadt, zurück ins Hotel. Morgen warten mehrere kleine Pässe mit deutlich mehr als 2.000 Meter auf uns. Da sollten wir ausgeschlafen sein.

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Abendlicher Bummel durch die Altstadt von Briancon.

Die gefahrene Strecke haben wir wieder in einem kleinen Relive-Video festgehalten, damit Du sehen kannst, wo wir unterwegs waren:

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