Ein Sahneschnittchen, bitte

Montag, 22.7.2019 – 1. Tourtag: Es ist kurz nach sieben, ich sitze auf meinem Balkon, trinke einen Kaffee aus dem Kapsel-Automat, der bei mir im Zimmer steht (ist verwerflich, ich weiß, aber soooo schön …) und genieße die Aussicht. Es ist absolut ruhig, hier oben am Berghof Brunner. Nur ein paar Vögel zwitschern …

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Nach einem hervorragenden Frühstück machen wir uns in zwei Gruppen auf den Weg. Stefan wird erst heute Abend zu uns treffen; er holt gerade seine defekte BMW mit dem Hänger ab und fährt gleich weiter nach Bad Eisenkappel. Danke für dieses Engagement!

Vor dem Hotel ein munteres Treiben. Motorräder werden hin und her rangiert. Charly lässt sich – wie an jedem Tag, ein paar Zielkoordinaten geben, die er dann ins Navi eingibt. Jeder ist irgendwie beschäftigt. Heute wollen wir über den Loiblpass nach Slowenien fahren, um am Bleder See die berühmten Cremeschnittchen zu probieren.

Vom Hotel aus geht es über den Schaidasattel nach Zell und eigentlich weiter zum unscheinbaren Uznik-Sattel. Große Schilder weisen am Abzweig darauf hin, dass die Strecke noch bis Mitte August gesperrt sei. Eine Umleitung wird empfohlen. Doch Umleitungen sind doof, die fahren alle, meistens gibt es doch ein Schlupfloch – also los.

Diesmal ist die Rechnung nicht aufgegangen. Kurz hinter Zell-Pfarre ist Schluß. Eine Brücke wird neu gebaut – kein Durchkommen. Wir müssen zurück. Damit gerät unser Zeitplan ordentlich ins Wanken.

Ein zweites Mal geht es – nun entgegengesetzt – durch Zell-Pfarre. Der kleine Ort kann auf eine bewegte Geschichte verweisen. In den Jahren 1732 bis 1733 errichteten die Zeller auf dem Grund der Herrschaft Hollenburg ein Pfarrhaus, dessen Bau sie selber finanzierten. Daher rührt wohl der eigentümliche Name. 1848 konnte erstmals ein Bürgermeister gewählt werden, 1895 wurde die Volksschule eröffnet, in der zweisprachig – auf Slowenisch und auf Deutsch – unterrichtet wurde. 1908 kam der Landbriefträgerdienst nach Zell; an geeigneten Stellen wurde daraufhin Briefkästen aufgestellt.

Bei der Kärtner Volksabstimmung 1920 sprachen sich 97 Prozent der Einwohner für den Anschluss an das benachbarte Jugoslawien aus. Nach dem „Anschluss Österreichs“ im März 1938 setzten sich gut  20 sogenannte Zeller Deserteure über die Grenze ab, um nicht in der deutschen Wehrmacht dienen zu müssen. Nach dem deutschen Einmarsch in Jugoslawien im April 1941 zurück sie aber nach Zell-Pfarre und leisteten als „Kärtner Slowenen“ Widerstand. Sie versteckten sich in Ställen, Scheunen und Bunkern, wurden aber entdeckt und „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt. Zum Prozess vor dem „Volkgerichtshof“ am Landgericht Klagenfurt reiste der berüchtigte NS-Strafrichter Roland Freisler an; die Gefangenen wurden zum Tode verurteilt, „für immer ehrlos erklärt“ und am 29. April 1943 in Wien hingerichtet. All das mag man kaum glauben, wenn man heute in dieser Gegend beschaulich Motorrad fährt.

Vorbei am Freibacher Stausee fahren wir nach Ferlach und erreichen bald darauf den Kleinen Loiblsattel – ein herrliches Stück Straße mit mehreren engen Serpentinen. Die Straße führt – vorbei an der Tscheppaschlucht – zum Gasthaus „Zum deutschen Peter“. Kaiser Karl VI soll hier am 25. August 1728 Halt gemacht haben, um sich nach den Lebensgewohnheiten der hier lebenden Menschen zu erkundigen. Die sprachen allerdings nur slowenisch, eine Sprache, die der Kaiser nicht verstand. Peter Tschauko, der Wirt der Gaststätte, half als Dolmetscher aus. Von der Unterhaltung soll der Kaiser so angetan gewesen sein, dass der den Wirt als „Deutscher Peter“ ansprach – ein Name, der sich auf die Gaststätte übertrug und beibehalten wurde, zumal in jeder nachfolgenden Generation der erstgeborene Sohn immer auf den Namen Peter getauft wurde.

Kurz darauf stehen wir vor dem Tunnelportail des Loibl. Über den Pass selbst führt ein unbefestigter Weg, der zwischenzeitlich nur noch Fußgängern und Radfahrern vorbehalten ist; irgendwie schade.

Der Loibl gilt als einer der ältesten Alpenpässe Europas. Schon die alten Römer nutzen ihn. Der alte Saumpfad wurde ab dem Jahr 1560 erheblich erweitert. 20.000 Gulden kostete die Baumaßnahme, die – aufgrund der schwierigen Bedingungen – 20 Jahre dauern sollte. Dafür konnte die Straße anschließend mit sechsspännigen Wagen befahren werden. In dieser Zeit, genau gesagt im Jahr 1575, wird unterhalb des Gipfels auch ein erster, gut 100 Meter langer Tunnel gegraben, der aber wegen Einsturzgefahr nicht allzu lange genutzt werden konnte – aber einer der ersten Bergtunnel in Europa war.

Die jetzige Straße zum Loibl wurde im Zweiten Weltkrieg von Zwangsarbeitern erbaut, die auch den Tunnel gegraben haben, durch den der Verkehr heute rollt. Begonnen wurde mit dem Bau der Röhre im März 1943. 1.652 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge arbeiteten daran unter unmenschlichen Bedingungen. Der größte Teil der Häftlinge, etwa 800, waren Franzosen, gefolgt von Polen (450), Russen (188) und Jugoslawen (144). Die rund 70 inhaftierten Deutschen und Österreicher waren meist Berufsverbrecher und besetzten im Lager als Kapos oder Stubenälteste die leichteren Funktionen. Etwa 40 Menschen starben an den Folgen der harten Arbeit – oder durch Steinschlag. Insgesamt ist die Zahl der Opfer, die zu beklagen war, jedoch wesentlich höher. Da nach den Arbeitsverträgen nur eine Quote von maximal 7,5 Prozent an Verletzten oder Erkrankten „erlaubt“ war, wurden diese zurück in KZ Mauthausen geschickt, was für viele den sicheren Tod bedeutete. Zwangsarbeiter, die nicht mehr transportfähig waren, wurden zumeist noch im Lager durch eine Benzininjektion getötet.

Interniert waren die Zwangsarbeiter in zwei Außenstellen des KZ-Mauthausen. Das Nordlager befand sich unmittelbar hinter der Grenze, das Loiblpass-Südlager nahe Sankt Anna (Sveta Ana pod Ljubeljim). Hier gibt es heute eine Gedenkstätte. Auf der Kärntner Seite erinnern hingegen seit 1995 zwei Informationstafeln am Zollamtsplatz und drei Gedenktafeln beim Tunnelportal an das Leid der KZ-Häftlinge.

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Die Grenze zwischen Österreich und Slowenien verläuft mitten durch den Tunnel. Die Fahrt über den Pass wäre sicher reizvoller, ist aber seit langen verboten. Wir sind jetzt im Oberrain, das der Musiker Slavko Avsenik mit seiner Kapelle – den Original Oberkrainer – einst berühmt gemacht hat. Lang, lang ist das her …

Bei Trzie setzen wir den Blinker rechts und fahren über die 638, eine herrliche Nebenstrecke, nach Bled. Der kleine Ort entstand der Sage nach, als die Menschen einst vor einem Drachen Reißaus nahmen, der auf dem Kosuta-Kamm der Karawanken lebte und dort die Felsen verwüstete. Auf ihrer Flucht fanden sie erst hier im Tal Schutz und Zuflucht. Heute lädt die Drachenschlucht Dovzan zu einem Besuch.

Unser eigentliches Ziel aber ist Bled –  bei Lesce stecken wir erst einmal im Stau fest. Nach den ersten gut 100 Kilometern in relativer Abgeschiedenheit und Ruhe ein regelrechter Schock. Dass rund um den Luftkurort immer viel los ist, war uns aus früheren Besuchen noch gut in Erinnerung. Stopp-and-go über mehrere Kilometer haben wir bislang aber noch nicht erlebt. Und das auch noch bei hochsommerlichen Temperaturen.

Wir wollen zur kleinen „Penzion Zaka“, die direkt am Bleeder See liegt. Eigentlich hatten wir im „Cafe Kavarna Park“ Rast machen wollen. Dort soll der ehemalige Leiter der Konditorei des „Hotel Park“, Istvan Lukacevis, die „Original Bleder Cremeschnitte“ erfunden haben. Immer wieder habe er verschiedene Rezepte und Kombinationen ausprobiert, bis er mit dem Ergebnis zufrieden gewesen sei. 15 Millionen Stück sollen davon in den vergangenen 66 Jahren verkauft worden sein – gebacken auf goldbraunem Blätterteigboden, versehen mit einer Füllung aus köstlicher Vanillecreme und Schlagsahne, die erst dann perfekt in ihrer Konsistenz ist, wenn die Schnitte so fluffig ist, dass sie beim Zerschneiden gerade noch nicht zerfällt. Obenauf noch etwas Puderzucker und fertig ist das Meisterwerk.

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Doch die gleich mehrfach gestellte Anfrage, ob wir mit unserer Motorradgruppe willkommen sein, bleibt unbeantwortet. Also haben wir nach einer Alternative gesucht und diese in der „Penzion Zaka“ gefunden. Es ist schon fast zwölf Uhr, als wir – dank Umleitung und Stau – dort eintreffen; gut eineinhalb Stunden später, als geplant. Cremeschnitte und Kaffee schmecken aber zu jeder Uhrzeit und so lassen wir es uns erst einmal gut gehen und genießen den Blick auf die malerische Burg auf einem Felsen inmitten des Sees. Hier ist von Hektik nichts zu spüren. Die kleine Pension vermietet übrigens auch Zimmer. Das müssen wir uns merken.

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Bis zum Bohinjer See ist es nicht mehr allzu weit. Wir wählen den „Umweg“ über die schmale 905 und fahren erst einmal nach Gorje. Auf schmaler Trasse geht es häufig durch dichten Wald; sehr angenehm, bei den augenblicklichen Temperaturen. Auf unserer Route scheint es wieder eine Baustelle zu geben. Zumindest deuten entsprechende Hinweisschilder darauf hin. Diesmal wird der Straßenbelag erneuert. Unsere Motorräder passen gerade so zwischen Hauswand und Absperrung, so dass wir – unter den wohlwollenden Blicken der Bauarbeiter, passieren können. Glück gehabt.

Der Bohinjer See (Bohinjsko jezero oder Wocheinersee) liegt majestätisch schön 526 Meter über dem Meeresspiegel, umrahmt von den gewaltigen Gipfeln der Julischen Alpen. Früher glaubten die Menschen, dass die Welt hier aufhört. Der See selbst ist 4.100 Meter lang, bis zu 1.200 Meter breit und reicht an der tiefsten Stelle bis zu 45 Meter unter die Wasseroberfläche; bei Starkregen erhöht sich der Wasserspiegel um bis zu drei Meter.

Gleich hinter der berühmten Steinbrücke zweigt rechts die Stichstraße 904 zum „Slap Savica“ ab, dem wohl berühmtesten Wasserfall Sloweniens. Inmitten des Triglav-Nationalparks gelegen, stürzt das Wasser aus zwei Armen direkt aus einer Felswand 78 Meter beziehungsweise 25 Meter tief in ein  Becken in dem das kristallklare Wasser smaragdfarben erscheint. Ein beeindruckendes Schauspiel. Um dorthin zu gelangen muss man allerdings 550 Treppenstufen erklimmen (und für diese gut eine halbe Stunde währende Strapaze auch noch eine kleine Gebühr bezahlen).

Linker Hand taucht die „Gostice Pod Skalco“ auf. In dem kleinen Gasthaus haben wir uns zum Mittagessen angekündigt. Es ist schon nach halb zwei und so beschließe ich, erst einmal nicht zum Wasserfall zu fahren sondern die Gelegenheit für eine kleine Rast zu nutzen. Schnell ist ein Parkplatz für die Motorräder gefunden; an zwei langen Holztischen sind noch Plätze für uns frei, so dass wir einen Blick in die Speisekarte werfen können. Die Wahl fällt auf Cevapcici, gegrilltes Hackfleisch mit verschiedenen Saucen.

Während das Essen zubereitet wird, bummele ich ein wenig am Seeufer entlang und treffe auf den berühmten „Zlatorog“, das Goldhorn, das als Statue auf einem Stein steht. Die legendäre Kreatur ist eine Ikone des Triglav-Nationalparks. Das Sage nach soll der weiße Gamsbock mit den goldenen Hörnern hoch oben am Triglav einen Garten besessen haben und war Hüter eines verborgenen Schatzes. Ein habgieriger Jäger wollte sich dessen bemächtigen und erschoss den Gamsbock. Aus dessen Blut erwuchs eine Wunderblume, die Zlatorog wieder zum Leben erweckte. In rasender Wut tötete dieser den Jäger, zerstörte seinen Gebirgsgarten und war seitdem nicht mehr gesehen. Der deutsche Dichter Rudolf Baumbach veröffentliche die Sage 1877 als Vers-Epos und machte sie damit berühmt.

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Nach einer ausgedehnten Mittagspause verzichten wir, nicht zuletzt angesichts der hohen Temperaturen, endgültig auf den Abstecher zum Wasserfall – damit haben wir einen Grund mehr, Slowenien in den nächsten Jahren erneut zu besuchen.

Auf Nebenwegen erreichen wir Skofja Loka; auf deutsch Bischoflack. Der slowenische Name erinnert an die Gründungsgeschichte: am 30. Juni 973 schenkte Kaiser Otto der Zweite das Gebiet (Loka auf slowenisch für Au) dem damaligen „skoof“ (altdeutsch für Bischof). Der Fürstbischof von Freising und seine Nachfolger im Amt holten vorwiegend deutsche Kolonisten ins Land, die das Tal der Selzacher Zaier urbar machen sollten. Viele kamen aus dem Herzogtum Bayern oder dem Pustertal in Tirol. Die Herrschaft der Freisinger Bischöfe dauerte bis 1803, dann fiel Skofja Loka an Österreich. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg trug die Stadt offiziell den Namen „Laak an der Zaier“; mit der Zugehörigkeit zu Jugoslawien hieß sie dann (wieder) Skofja Loka.

„Colnarna Trboje“ ist das Ziel, das wir zum Nachmittags-Kaffee ansteuern. Ein „Geheimtipp“ von Markus aus dem Berghof Brunner. Das unscheinbare Lokal liegt an einer Bucht der Save, so dass man fast das Gefühl hat, am Meer zu sein. Liegestühle, eine kleine Pier und leckerer Kuchen sind weitere Gründe hier unbedingt eine Pause einzulegen.

Noch gut 60 Kilometer und wir sind zurück im Hotel. Es geht den Seeberger Sattel hinauf, mit einem kurzen Fotostopp am alten Grenzübergang.

Stefan zeigt sich ein wenig unruhig, verlangt die R nineT doch offensichtlich Sprit. Die nächste Tanke aber ist erst im Zielort; glücklicherweise geht es nun nur noch bergab. Vorsichtshalber verzichten wir auf den geplanten Stopp am Christopherusfelsen nahe der Ortschaft Bad Vellach. Fuhrleute aus dem gleichnamigen Tal hatten 1861 erstmals ein zwölf Meter hohes Bildnis des heiligen Märtyrers und Schutzpatrons auf den Felsen malen lassen.

Kurz nach 18 Uhr erreichen wir die Tankstelle in Bad Eisenkappel und verursachen erstmal einen Stau. 22 Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer wollen nahezu gleichzeitig an den beiden vorhandenen Zapfsäulen tanken – das dauert.

Oben am Berghof Brunner wartet Martina schon mit einem kühlen Bier auf uns. Damit lässt sich der erste Tourtag prima ausklingen. Während Wilfried seine W 650 mit dem Dampfstrahler reinigt, entbrennt noch dem Blick durch das Schauglas von Charlys BMW eine heiße Diskussion. Ist das Öl noch goldgelb oder garnicht mehr vorhanden. So genau lässt sich das nicht erkennen …

Stefan nutzt die Gelegenheit, schon mal auf der DR 650 Probe zu sitzen; sein „Arbeitsgerät“ für die nächsten Tage.

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Und zum Abendessen gibt es unter anderem vegetarischen Gemüsestrudel mit Kräuter-Rahm-Soße – wieder mal sehr lecker. Alles in allem ein sehr gelungener Tag …

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