Geschichten entlang der Fulda

Der erhoffte Sonnenaufgang war uns heute nicht vergönnt, dazu war der Himmel leider zu bedeckt. Zum Motorradfahren aber war das Wetter ideal.

Kurz nach 9 Uhr starteten wir heutigen Etappe – die uns gut 200 Kilometer lang links und rechts entlang der Fulda führen sollte. In Ried erhaschen wir im Vorbeifahren einen Blick auf eine des besterhaltenen Wehrkirchen im Landkreis Fulda; in Lütter ist es der Wehrfriedhof, der einst Schutz bei Überfällen bot. Dass man dabei die eine oder andere Nacht hinter dicken Mauern bei den Verstorbenen verbringen musste, ist auch heute noch ein gruseliger Gedanke …

In Bronzell standen sich am 8. November 1850 bayerisch-österreichische und preußische Truppen gegenüber. Die Preußen hatten den Aufstand geprobt, am Ende aber den militärischen Konflikt gescheut. Nur ein Schimmel kam zu Tode und ein Schuh ging verloren. Kaum zu glauben, wenn man heute durch den Ort fährt.

Auf einer malerischen Steinbrücke überqueren wir wenig später bei Kohlhaus die Fulda. Im Mittelalter kreuzten sich hier die berühmte Handelsstraße „via regia“ und der alte „Ortesweg“.

Fulda umfahren wir weiträumig. Dass in der Domstadt um das Jahr 1600 mehr als 300 Hexen und Hexenmeister gefoltert und hingerichtet wurde, ist fast schon in Vergessenheit geraten.

Hinter Frauenrombach ist die Brücke über die Fulda wegen Bauarbeiten gesperrt. Das zwingt uns zu einem Umweg über Schlitz. Zum Glück für Hans, dessen alter Boxer so langsam eine Tankstelle braucht.

Auch in der Geschichte von Mengshausen gibt es ein dunkles Kapitel: Kurz nach dem Siebenjährigen Krieg waren zwei Marketender im Wirtshaus von Kerspenhausen eingekehrt. Beide waren durch die Versorgung von Verletzten und die Verpflegung der Truppen reich geworden. Das weckte die Missgunst von drei Ortsansässigen, die sich fadenscheinig anboten, den Fremden den Weg gen Süden zu zeigen. Tatsächlich brachten sie die beiden auf der Anhöhe der Mengshäuser Kuppe um und raubten sie aus. Doch das gestohlene Geld brachte ihnen kein Glück. An die Missetat erinnert im Wald der „Franzosenstein“. Und noch heute rufen die Seelen der Verstorbenen „Mon Dieu, Mon Dieu – pourquoi m’as-tu-abandonné – Mein Gott, Mein Gott – warum hast Du mich verlassen“, wenn starke Herbststürme über die Gipfel fegen.

Unser Weg entlang der Fulda führt uns auch durch Baiershausen. Versteckt im Wald findet sich das Lager Pfaffenwald und – nicht weit davon entfernt – ein Friedhof. Zum Bau der „Asbachtalbrücke“ an der einstigen Reichsautobahn 4 waren 1838 Zwangsarbeiter eingesetzt worden, die im Lager lebten und auf dem Friedhof bestattet wurden, wenn sie der Strapazen erlagen.

In Asbach machen wir im Gasthof Herzog Halt und damit einen Kaffeestopp.

Bad Hersfeld umfahren wir im Anschuss weiträumig. Von nun an ist die Fulda schiffbar gewesen.

Bald drauf is Breitenbach erreicht, ein schon im Mittelalter bedeutender Ort, gab es hier doch eine Furt durch die Fulda. 1760, 1775 und 1860 wurde der Fluß bei Breitenbach mehrfach begradigt. Davon konnte das Flößergewerbe profitieren, das um 1809 einen deutlich Aufschwung erlegte. Aus Thüringen stammendes Holz wurde zu Brettern verarbeitet, in Breitenbach zu Flößen zusammengebunden und in 35 Stunden über 80 Kilometer weit bis nach Fulda transportiert.

Die Chronik von Lüdersdorf, dem nächsten Ort, ist zu entnehmen, das 1627 hier noch 17 Einwohner lebten. 1639 aber nur noch drei Männer und eine Kuh. Tillys Truppen hatten den Ort im 30jährigen Krieg verwüstet, weil die Bewohner, wie auch die von Breitenbach, immer wieder Überfälle auf dessen Soldaten verübt hatten.

In Melsungen legen wir einen Stopp an der mächtigen „Bartenwetzerbrücke“ ein. Früher hatten hier die Holzfäller ihre Klingen (Barten) am Sandstein geschärft – die Spuren sind noch heute sichtbar.

So langsam wird es Zeit für die Mittagsrast, die wir in Büchenwerra einlegen wollen. Hier wechselt die Fulda in zwei Schleifen gleich zweimal ihre Fließrichtung.

Früher führt nur ein klappriger hölzerner Steeg über den Fluss, ans andere Ufer, wo die Bauern ihre Felder hatten. Heute weist ein Schild zur Autobahn – hier am A…. der Welt – den kürzesten Weg zur A7. Verrückt.

Wir genießen den malerischen Ausblick auf den Fluss, schauen uns alte Bilder von der historischen Dorfansicht an und essen herzhaft zu Mittag. Im Angebot des Gasthaus Hartung ist „Ahle Wurscht“.

Vorbei am Kloster Breitenau fahrend, das in seiner wechselvollen Geschichte 1871 – während des deutsch-französischen Krieges – 750 französische Kriegsgefangene beherberge, dann Besserungsanstalt war und während des Zweiten Weltkriegs dann KZ, verlassen wir die Fulda fürs erste, weil wir einen weiten Bogen um Kassel schlagen wollen.

Erst in Hann. Münden treffen wir wieder auf den Fluss und sind damit auch am eigentlichen Ziel unserer Reise angelangt. Am Gasthof „Zum Wesertein“ stellen wir die Motorräder ab und gönnen uns erst mal ein kaltes Eis mit heißen Himbeeren zur Erfrischung.

Dann geht es zu Fuß weiter zum „Weserstein“. An der Altstadt von Hann. Münden vorbei fließend, vereinigt sich die Fulda wenig später mit der Werra und wird so zur Weser, die gut 300 Kilometer später bei Bremerhaven in die Nordsee fließt.

Auf den letzten Kilometern des Tages fahren wir „gegen den Strom“ – von der Mündung ein kleines Stück zurück in Richtung Quelle.

War die Fulda bei Büchenwerra noch ein kleiner, malerischer Fluss, ist sie jetzt schon fast ein breiter Strom geworden. Zahlreiche Zuflüsse und Staustufen haben sie ordentlich anschwellen lassen – Tribut an die Schiffbarkeit.

Direkt am Flussufer schlagen wir unser „Nachtlager“ auf und verbringen im Hotel „Rote Kater und Schwarze Katze“ einen angenehm lauen Sommerabend.

Bis tief in die Nacht sitzen wir an der Fulda und schauen zu, wie es so langsam Nacht wird. Wenn man sich überlegt, was sich am Ufer des Flusses im Laufe der Jahrhunderte so alles zugetragen hat – eigentlich unglaublich.

Morgen treten wir den Heimweg an. In drei Etappen geht es zurück in Richtung Frankfurt. Besichtigungen sind da nicht mehr eingeplant.

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