Der Mangart ist heute unser Ziel

Donnerstag, 25.7.2019 – 4. Tourtag: Noch zwei Tage bleiben uns, um die Karawanken zu entdecken. Heute wollen wir noch einmal nach Slowenien fahren. Die gut 2.000 Meter hoch gelegene „Lahnscharte“ am Magart ist das Ziel. Vor Jahren haben wir uns hier mit unseren Enduros wohl gefühlt, war ein Großteil der abenteuerlichen Piste doch unbefestigt. Seit dem verheerenden Erdrutsch im November 2000 ist das anders. Da wurde die Zufahrt neu trassiert und die gesamte Strecke durchasphaltiert. Abenteuerlich ist die Wegstrecke noch immer. Ohne Randsicherung geht es kurvenreich dem Endpunkt entgegen, unterwegs müssen fünf unbeleuchtete Tunnels passiert werden. Für Menschen mit Höhenangst eine Herausforderung, der ich mich jedesmal aufs Neue stelle.

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Unser erstes Ziel ist die alte Nudelfabrik in Finkenstein, nahe des Faaker Sees. Also fahren wir die gestrige Schlussetappe noch einmal in entgegengesetzter Richtung und erfreuen uns an den neuen Eindrücken.

Die alte Nudelfabrik liegt ein wenig versteckt. Wir parken die Motorräder am alten Kräutergarten und freuen uns auf die schattigen Terrasse, auf der zwei lange Tische für uns reserviert sind. Die kleine Auszeit kommt gerade zur richtigen Zeit, ist es doch schon wieder recht warm geworden. Ein Himbeere-Panacotta wäre jetzt genau das richtige, meint Karin und genießt die leckere Erfrischung.

Nach der Kaffeepause brechen wir zur „Drei-Länder-Tour“ auf. Zunächst geht es über den Wurzenpass rüber nach Slowenien. Der „Korensko sedlo“, wie der Pass auf slowenisch heißt, ist zwar „nur“ 1073 Meter hoch, weist aber stellenweise recht enge Kurven und vor allem Steigungen von bis zu 18 Prozent auf. Ein alterschwaches Wohnmobil zeigt schon im unteren Drittel erhebliche Schwächen …

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Im 17. Jahrhundert wurde Kupfererz aus Siebenbürgen über den Wurzenpass zur Weiterverarbeitung nach Kärnten gebracht. Der Übergang gewann zunehmend an Bedeutung; bis zur Eröffnung des mautpflichtigen Karawankentunnels im Jahr 1991 galt er als einer der wichtigsten Grenzübergänge ins ehemalige Jugoslawien. Ein ausgemusteter Panzer erinnert nahe der Grenze an die lange Zeit geheimen Bunkeranlage, die hier im Kalten Krieg errichtet wurden. Auf dem Gelände der ehemaligen „Sperrkompanie WURZEN/73“ wird die Geschichte dokumentiert.

Wir biegen am Ende der Pass-Straße rechts ab auf die 202 und fahren ein Stück durch Slowenien, Richtung Italien. Kurz hinter der italienische Grenze fahren wir durch „Fusine in Valromana“. Der Name ist ein Kuriosum. Im deutschen heißt die Ortschaft Weißenfels – das leitet sich von der über dem Weißenbach (heute Rio Bianco) auf einem Felssporn gelegenen Burg Weißenfels ab, die heute eine Ruine ist. Im Jahr 1900 lebten 714 Einwohner in der Gemeinde, davon sprachen 618 deutsch und 55 slowenisch. Nach dem ersten Weltkrieg gehörte Weißenfels kurz zu Kärnten, fiel 1919 aber, durch den Vertrag von St. Germain, an Italien. Der Ortsname wurde zunächst in Roccalba geändert. Dann wurde daraus Fusine in Valromana.

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Richtig müsste es Fuzine heißen, deutet doch die aus dem Furlanischen stammende Bezeichnung auf die seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesene Eisenverarbeitung hin. Das Anhängsel „in Valromana“ ist hingegen topografisch nicht korrekt, befindet sich das Römertal doch gut zwei Gehstunden von Weißenfels entfernt.

Wir bleiben auf der SS 54, passieren Tarvisio und sprinten am Fuße des Lago de Predil den gleichnamigen Pass hinauf. Schmal und kurvenreich windet sich das Sträßchen auf 1156 Meter und führt dabei durch einen unbeleuchteten Kehrentunnel, der immer wieder aufs Neue ganz überraschend auftaucht. Am höchsten Punkt ist die Grenze zwischen Italien und Slowenien erreicht. Die alten Kontrollstellen sind seit langem verwaist.

Der Ursprung dieser fahrerisch interessanten Verbindung reicht bis in das Jahr 1319 zurück. Da baten die Bürger der Stadt Cividale den Bamberger Bischof um Erlaubnis, auf eigene Kosten einen befahrbaren Weg über den Berg bauen zu dürfen. Schon sieben Jahre später soll dieser fertiggestellt gewesen sein; für die Benutzung wurde fortan eine Maut erhoben, um die Kosten wieder hereinzubekommen. Bis zum Jahr 1490 erfolgte der Bau einiger Brücken, dennnoch war „die Straße“ wohl nur mit Karren zu befahren. Das besserte sich, als 1536 weitere Baumaßnahmen in Angriff genommen wurden.

Im 16., Jahrhundert geriet Cividale unter venezianische Herrschaft; durch Sanktionen Venedigs nahm der Verkehr am Predil deutlich ab. In den Jahren 1678 bis 1684 erfolgte ein weiterer Ausbau, der mit einer Neutrassierung verbunden war, obwohl Österreich für seine Waren zwischenzeitlich andere Handelswege gefunden hatte. Der Name Predil ist übrigens slawischen Ursprungs: das Wort predel bedeutet siviel wie Pass, Grenze oder Scheide. Der Zusatz „Pass“ ist insofern entbehrlich.

Auf der slowenischen Seite passieren wir ein „Löwendenkmal“, das an die Koalitionskriege erinnert. Truppen des österreichischen Ingenieurkorps kämpfte am Predil einst gegen die Truppen Napoleons. Wie so oft nehme ich mir vor, auf der Fahrt zum Mangart einmal soviel Zeit zu haben, um die Mahnmale kriegerischer Auseinandersetzungen ausgiebig besichtigen zu können. Dazu gehören auch die alten Stellungen der Isonzofront, dem mörderischen Stellungskrieg der in den umliegenden Bergen in den Jahren 1914 bis 1918 tobte.

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Auch die mittlerweile mautpflichtige Mangartstraße ist militärischen Ursprungs, sie wurde zwischen den beiden Weltkriegen gebaut und führt auf einer Länge von 12 Kilometern über 17 enge Kehren hinauf bis auf 2055 Meter. Damit gilt sie als die höchste Straße in Slowenien. Fünf Euro kostet der Spaß, den man sich unbedingt gönnen sollte, auch wenn die Trasse über weite Strecken kaum autobreit ausgebaut ist.

Noch immer – oder schon wieder – steht gut zwei Kilometer vor dem Gipfelplateau ein kreisrundes Schild mit rotem Rand, das nicht die Durchfahrt verbietet, sondern zu besonderer Sorgfalt mahnt. Von einer der Felswände  stürzt immer wieder Gestein auf die Straße, das nicht gleich weggeräumt wird. Vorsichtig und auf eigene Gefahr kann diese Passage passiert werden. Wer an dem Schild stoppt, verpasst den eigentlichen Höhepunkt dieses Abstechers.

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Wir fahren weiter und stellen unsere Maschinen auf einem kleinen Wiese ab, die wir zum Naturparkplatz umfunktionieren. Auf der anderen Straßenseite geht es ein wenig bergan und dann reicht der Blick weit, vor allem aber tief nach Italien. Ohne Randsicherung wagen sich die ganz Mutige (oder Leichtsinnige) bis dicht an die Abbruchkante und „genießen“ eine atemberaubende Aussicht. Die Grenze zwischen Italien und Slowenien ist hier oben fließen und wir von kleinen Steinen im Boden markiert.

Wer mag (und dazu in der Lage ist), kann in einer mehrstündigen Wanderung den Mangart besteigern. Der italienische Klettersteig führt dabei anspruchsvoll über ausgesetzte Felsen; eine komplette Klettersteigausrüstung einschließlich Steinschlaghelm ist zwingend erforderlich, die slowenische Variante ist etwas einfacher, endet aber auch auf dem 2679 Meter hohen Gipfel, der sich allerdings oft in Wolken hüllt. Als Basislager für den Gipfelsturm bietet sich die Mangarthütte des Slowenischen Alpenvereins an, die unterhalb des Parkplatzes liegt und tagsüber eher als Jausenstation dient.

Weil unsere Gruppe mit fast 30 Personen dafür viel zu groß ist, wollen wir die längst überfällige Mittagspause in Log pod Mangartom einlegen. Da ist mir, von einer Endurotour mit Christian aus dem Hotel Solaria in Obertauern, ein nettes Lokal direkt an der Kirche in guter Erinnerung. Das wird heute hoffentlich geöffnet haben. Wir werfen von der Lahnscharte aus noch einen letzten Blick auf den „Lago di Fusine“, den Weißenfelser See; der nahe der SS54 liegt. Vor etwas mehr als einer Stunde haben wir dort – auf dem Weg zum Mangart – die Grenze von Slowenien nach Italien passiert. Ein Fotostopp wird nachgeholt.

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Wir „stürzen“ uns wieder ins Tal. Vor uns saust, in oft halsbrecherischer Fahrt, so mancher Rennradfahrer bergab. Die Jungs sind so schnell, dass das Überholen auf der engen Straße oft schwer fällt, ohne die furchtlosen „Pedalleure „zu gefähren, zumal diese in den Kehren oft mehr oder weniger rungebremst ums Eck schießen und von dann vor ihnen fahrenden, motorisierten Bikern oft ausgebremst werden.

Es ist deutlich nach halb zwei, als wir die Gaststätte in Log Pod Mangartom erreichen. Es wird reichlich Mineralwasser geordert und so manche riesengroße Pizza. Wir sitzen im schattigen Wintergarten oder unter Sonnenschirmen auf der Terrasse und lassen es uns wieder einmal gut gehen.

So langsam wird es Zeit, den Rückweg anzutreten. Gut die Hälfte der Strecke haben wir (erst) absolviert; jetzt müssen wir uns ein wenig ranhalten, wollen wir noch rechtzeitig vor dem Essen zurück im Hotel sein. Wir folgen dem Lauf der Straße 203 Richtung Bovec und fahren dabei durch eine anmutige Landschaft. Zahlreiche Ortsdurchfahrten bremsen unser Tempo ein wenig; der Autoverkehr ist heute glücklicherweise von erträglichem Umfang. Dann zweigen wir ab ins Soca-Tal. Bis zum legendären Vrsic folgt die Straße nur kurvenreich dem mäandernden Fluss, in dem auffallend wenig Wasser fließt. Irgendwie beängstigend.

Um die mit 1611 Metern Höhe höchste Passstraße Sloweniens passieren zu können, müssen insgesamt 50 Haarnadelkurven bewältigt werden. 26 davon befinden sich auf der Südseite, 24 auf der Nordseite, einige kopfsteingepflastert.

Die Straße über den Pass wurde in den Jahren 1915 und 1916 von russischen Kriegsgefangenen gebaut. Rund 400 Bauarbeiter kamen bei einem Lawinenabgang im März 1916 ums Leben; die meisten waren Russen. Ihnen zu Ehren wurde auf der Nordseite eine russische Kapelle errichtet, die besichtigt werden kann. Nahe der Kehre Nr. 8 gibt es einen kleinen Parkplatz. Insgesamt sollen beim Bau der Straße mehr als 7.000 Menschen zu Tode gekommen sein. Über den Vrsic wurde ein Großteil des Nachschubs für die große Offensive von Österreich-Ungarn und Deutschland in der Zwölften Isonzoschlacht transportiert. Die so genannte „Schlacht von Karfreit“ (so wurde einst das heutige Kobarid bezeichnet) war die letzte in diesem mörderischen Stellungskrieg; der „Erfolg“ beruhte am Ende auf dem Einsatz von Giftgas.

An all diese Gräul erinnert heute nur wenig. Wir sind der Passhöhe nah, rollen aber an den vielen parkenden Autos sowie einer Schafherde vorbei und legen den obligatorischen Stopp heute aber erst nahe jenes Berges ein, dessen charakteristisches Merkmal ein großes Loch hoch oben im Fels ist. Das „Fenster“ oder auch Auge des Prisank“ wird der Durchbruch unterhalb des Gipfels genannt, der 80 Meter hoch und 40 Meter breit ist. Wagemutige können ihn über einen Klettersteig erreichen. Lange Zeit hatte ich geglaubt, der Prisank oder Prisojnik sei eine Sagengestalt der slowenischen Mythologie. Tatsächlich ist es der Name des Berges, der seinen Gipfel 2547 Meter hoch in den Himmel reckt. Die Julischen Alpen faszinieren immer wieder aufs Neue.

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Wir müssen ein wenig Gas geben. Es ist schon kurz vor 16 Uhr, gut 120 Kilometer sind es noch bis zum Ziel, wenn wir noch eine Kaffeepause einlegen wollen, wird es wohl 19 Uhr werden, bis wir wieder im Hotel sind. Ich persönlich habe ja nichts gegen späte Ankunftszeiten. Je weiter die Zeit voran schreitet, umso leerer werden die Straßen. Aber hinter mir drängelt ein „Trupp hungriger Mäuler“ und so verzichten wir auf den kleinen Umweg über die 907, die durch eine malerische Landschaft führt. Viele Jahre ohne festen Belag, soll diese zwischenzeitlich durchasphaltiert sein. Davon hätte ich mich gern überzeugt – das nächste Mal …

Kaum haben wir Jesenice erreicht, zweigen wir wieder auf eine schmale Nebenstrecke ab. Es wird Zeit nach einer Möglichkeit zur Einkehr zu suchen. Die finden wir Srednja Vas. Eine kleine Gaststätte mit Terrasse lädt zu einem kurzen Stopp ein. Es gibt Kaffee und Kuchen. Während sie die Bestellungen aufnimmt, schwärmt die Besitzerin von den vielen Ausflugsmöglichkeiten in der näheren Umgebung und vergisst dabei nicht, immer wieder darauf hinzuweisen, dass sie auch Zimmer vermietet.

Bei Trzie treffen wir wieder auf die 101, die uns zum Loibl-Pass führt. Schnell ist der Tunnel unterhalb des Gipfles erreicht, an dessen Ende uns eine kleine Überraschung erwartet. Wir werden tatsächlich kontrolliert und müssen unsere Pässe vorzeigen.

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Als wir uns schließlich auf die B 85 werfen, ziehen dunkle Wolken auf. Schaffen wir es trocken bis ins Hotel? Knapp 30 Kilometer sind es noch bis zum Ziel, als die ersten Tropfen fallen. Regenkombis an oder weiterfahren? In gut einer halben Stunde säßen wir im Trockenen. Ich entscheide mich, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Wahl zu lassen. Viele sind in der Sommerkombi unterwegs, die äußerst luftdurchlässig ist und keinerlei Schutz bietet.

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Es ist wie immer. Kaum haben wir die Kombis an, ist die Straße wieder trocken. Als wir kurz nach sieben vor dem Berghof Brunner ausrollen, haben wir rund 310 Kilometer auf der Uhr. Ein toller Tag geht erlebnisreich zu Ende.

Zum Abendessen gibt es Wiener Schnitzel mit Petersilienkartoffeln „an“ Preiselbeeren. Das passt doch, oder?

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Und während wir gemütlich in der Gaststube des Berghof Brunner zusammensitzen, zieht draußen ein wenig Nebel auf. Perfektes timing …

 

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