MONTAG, 9.9.2024 – Seit vielen Jahren schon steht der Colle del Nivolet auf meiner „Bucket list“. Doch die Sackgasse, die am Naturpark Grand Paradiso entdet, liegt so abgelegen, dass ein Abstecher dort hin nie gepasst hat. Jetzt habe ich ihn unter der Räder nehmen können – ein fantastisches Erlebnis. In unzähligen Kurven und Kehren schraubt sich das schmale Asphaltband auf 2625 Meter, um dann an einem See zu enden.

Tag eins unserer wunderbaren Motorradtour durchs Piemont. Es geht in die Grajischen Alpen, eine Gebirgsgruppe im Norden Italiens, die bis hinüber nach Frankreich reicht. Hier, am Rande des Naturparks „Grand Paradiso“ findet sich eine atemberaubende Straße, die einst angelegt worden war, um verschiedene Stauseen erreichen zu können.
Lange war darüber diskutiert worden, sie ins nahegelegene Aostatal zu verlängern. Auf der Nordseite zweigt das Valsavarenche ab; die asphaltierte Straße endet allerdings am Weiler Pont. Doch beide Seiten konnten sich nicht einigen und so wurde das Projekt auf Eis gelegt. Und so wird es auch bleiben, würde die Trasse doch mitten durch den Naturpark führen – heute völlig undenkbar.
Die Suche nach einem Kaffee gestaltet sich am Vormittag schwierig. Wir durchstreifen mehrere kleine Dörfer, bevor wir in Valperga endlich fündig werden. Der Name geht auf den germanischen Frauenstab „Walberga“ beziehungsweise direkt auf „Waldperg“ zurück, was so viel wie „bewaldeter Berg“ bedeutet. In dem kleinen Ort, in dem gerade einmal 3.000 Menschen leben, gibt es nicht nur eine Bar sondern auch eine ganz besondere Kirche.
Diese ist romanischen Ursprungs und stammt aus dem Jahr 1150. Einst Kapelle des Schlosses und Pfarrkirche des Dorfes, kümmerten sich die Grafen von Valperga um den Erhalt und beauftragten hochkarätige Künstler wie Giovanni di Pietro de Scotis, einen Maler des 15. Jahrhunderts, mit der Ausgestaltung. Anfang des 20. Jahrhunderts dem Verfall Preis gegeben, wurde 1937 mit der Restaurierung begonnen. Heute wird die Kirche vom Verein „Amici di San Giorgio“ betreut. Ein Besuch lohnt sich.

















2.300 Höhenmeter gilt es auf den nächsten 50 Kilometern zu überwinden. Eine beachtliche Differenz. Gerade als wir wieder auf die Motorräder steigen wollen, fährt Stefan mit „seiner“ Gruppe an uns vorbei. Am Ende der Passstraße werden wir uns wiedersehen.

Gleich hinter Cuorgnè ändern wir die Fahrtrichtung. Waren wir bislang grob gen Norden unterwegs, schwenken wir nun gen Westen. Mit jedem Kilometer gewinnt die Straße an Höhe und verliert an Breite. An den Gipfeln der Berge hängen die Wolken, der Wind weht böig. Mittlerweile zeigt das Themometer nur noch einstellige Temperaturen.
Wir kämpfen uns der Passhöhe des Nivolet entgegen. Auf der einen Seite des Berges sind die Straßen nass, auf der anderen trocken. Die Szenerie hat etwas ganz Besonderes. Dann haben wir den höchsten Punkt der Straße erreicht.

Noch gut zwei Kilometer und wir haben den Endpunkt erreicht. An einem kleinen Parkplatz am See ist Schluss. Von hier aus ginge es (offiziell) nur noch zu Fuß weiter …





Für Mittagessen müssen wir ein Stück zurück. Wir nutzen den Weg hinunter zum Refugio Guido Muzio für ausgiebige Fotostopps.





Silvia hat alle Mühe uns zu bändigen. Alle reden wieder durcheinander, als sie erzählt, was die Küche zu bieten hat, der eine oder andere entscheidet sich dann doch wieder um, am Ende aber bekommt jeder, was er möchte – Polenta mit Beef ist dabei der große Renner.















Beim Bezahlen wird es noch einmal kompliziert. „Mauricio, die zahlen alle einzeln, jeder für sich“, höre ich Silvia ins Telefon sprechen, während sie versucht, für jeden eine Rechnung zu erstellen und das passende Wechselgeld herauszugeben. Das machen wir die nächsten Tage anders …

Auf kleinen Nebenwegen geht’s zurück ins Hotel. Für 70 Kilometer reicht der Sprit noch. Da wir morgen eine große Etappe fahren, will ich so spät wie möglich tanken. Bei einem kleinen Fotostopp macht sich leichte Nervosität bemerkbar. Als wir kurz darauf eine chice Tankstelle finden, ist die Welt wieder in Ordnung.




In Barbania legen wir die letzte Kaffeepause des heutigen Tages ein. Noch einmal „Energie“ tanken, denn auf dem Rückweg werden wir uns durch den Feierabendverkehr rund um Turin kämpfen müssen.



Morgen wollen wir mit dem Col d‘Agnel und dem Izoard zwei der höchsten Alpenpässe unter die Räder nehmen …



