Strada chiusa

FREITAG, 13.9.2024 – Noch fünf Kilometer, dann ist Schluss. Steht zumindest auf dem grellgelben Warnschild an der Zufahrt zur Galleria Rosazza. Ein Blick aufs Navi zeigt: das kleine Rifugio am Ende des Tunnels liegt gut vier Kilometer entfernt. Sollte also passen …

Am letzten Tag unserer abwechslungsreichen Motorradwoche im Piemont wollen wir erneut in die Berge. Heute in den Gebirgszug nordöstlich von Turin. An der imposanten Wallfahrtskirche von Oropa werden wir einen Fotostopp einlegen, um wenig später, am Rande einer kleinen Panoramastraße, zu Mittag zu essen. Zunächst werfen wir uns aber auf die „tangentiale“, die dreispurige Umgehungsstraße rund um Turin, um erst Mal „Meter zu machen“. 1,60 Euro Maut werden dafür fällig; die investieren wir gerne.

So langsam wird es Zeit für eine Kaffeepause. In Montalto Dora finden wir eine kleine Bar, schräg gegenüber der „Chiesa Parrocchiale di Sant´Eusebio Vescovo“. Die unscheinbare Kirche, über die sich im Netz so gut wie keine Informationen finden, beeindruckt durch ihr Inneres – sobald sich die Augen an die Finsternis gewöhnt haben. Denn es ist ziemlich dunkel, wenn man durch die Tür tritt. Dann aber entfaltet sich das Gotteshaus in ganzer Pracht.

Noch sieben Kilometer Landstraße, dann geht es endlich in die Berge. Schmal und kurvenreich winden sich die kleinen Straßen die Bielleser Voralpen hinauf. Anfangs gibt ein alter verbeulter Fiat-Panda „die Pace“ vor – so schnell, dass wir ihn nicht überholen „müssen“ und so nicht die Ersten sind, die „ums Eck“ kommen. Gut eine halbe Stunde später lassen wir unsere Motorräder an der Wallfahrtskirche von Oropa ausrollen. Das imposante Bauwerk gehört, wie acht weitere Kirchenanlagen im Piemont und der Lombardei, zu den „Sacri Monti“, die im späten 16. und 17. Jahrhunderts auf Bergen und an Seen errichtet wurden. In 1195 Metern in einem natürlichen Amphitheater aus Bergen gelegen, reichen die Ursprünge bis ins 4. Jahrhundert zurück. In der Einsamkeit der Voralpen überrascht dieser gewaltige Bau.

Gleich hinter der Kirche zweigt die schmale SP 513 ab. Neben den üblichen Warnhinweis wird in grellgelb darauf hingewiesen, dass die Straße in fünf Kilometern gesperrt sei. Bis zum Rifugio müssten wir insofern noch kommen. Zumal wir dort reserviert haben und von einer Streckensperrung nicht die Rede war. Für die Küche war nur interessant, ob wir ein Menü oder lieber individuell bestellen wollen …

Erst 2007 ist dieser Streckenabschnitt asphaltiert worden; deutlich später die Tunneldurchfahrt. Finanziert wurde Projekt im 19. Jahrhundert vom Senator Fedrico Rosazza, der sich aus persönlichen Gründen stark für die Region engagierte. Am Tunnelausgang ließ Fedrico Rosazza noch ein Gebäude errichten, das als Hotel und Restaurant gedacht war. Dort legen wir heute unsere Mittagspause ein. 

Wir haben die Qual der Wahl. Auf einer großen Schiefertafel ist aufgeschrieben, was die Küche bietet. Ein freundlicher Italiener übersetzt uns die Karte, beantwortet geduldig Nachfragen die munter durcheinander gestellt werden, bis feststeht, was wir wollen: siebenmal Polenta mit Gulasch, einmal Polenta mit Bohnen und siebenmal eine kleine Auswahl an Käse, Salami und Speck, dazu Kastanienhonig – was für eine schwere Geburt …

Das Essen ist fantastisch, die Aussicht auch. Wir können uns garnicht losreißen, von diesem herrlichen Platz. Doch wir müssen weiter – anders als geplant. Denn die Straße ist im weiteren Verlauf tatsächlich gesperrt. Auch mit Motorrädern sei es schwierig, meint man im Rifugio. Als ein Endurofahrer nach zehn Minuten wieder zurückkommt ist klar: wir planen um. Noch einmal Tunnel, noch einmal Kirche, dann zweigen wir ab Richtung Biella. Auf kleinen Strassen schwingen wir uns ins Tal und legen in Romano Canavese den nachmittäglichen Kaffeestopp ein. 

Noch gut eine Stunde und wir sind wieder im Hotel – wenn da nicht der Feierabendverkehr aus Richtung Norden wäre, der auch die Umgehungsstraße verstopft und uns zeitweise nur im Schritt-Tempo vorankommen lässt. Kurz vor 18 Uhr sind wir am Ziel, schauen interessiert zu, wie einer der Teilnehmer sein Motorrad über eine elektrische Rampe verlädt und freuen uns aufs Abendessen – eigentlich nicht. Denn heute sitzen wir das letzte Mal bei dieser Tour zusammen. Morgen geht es wieder nach Hause, da trennen sich dann unsere Wege. Wie schade …

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