MITTWOCH, 11.9.2024 – Das „Val di Viu“ und das „Val di Ala“ haben wir „geschafft“, für das „Valle di Locana“ hat die Zeit nicht mehr gereicht. Was nicht weiter schlimm war, denn die beiden erstgenannten waren fahrerisch ein Genuss.
Zunächst aber mussten wir den 1.308 Meter hohen Col de Lis (oder Lys) erklimmen, den einzig asphaltierten Übergang zwischen dem Susa-Tal und dem Val di Viu. Auf der Passhöhe befindet sich ein im Jahr 1955 erbauter Rundturm zum Gedenken an die 2.024 Menschen aus den Valli di Lanzo, Susa, Sangone und Chisone, die im Widerstand gegen den italienischen Faschismus und die deutsche Besatzung zwischen September 1943 und April 1945 ihr Leben verloren. (Mehr Infos unter: https://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/324/)





Wir legen einen kurzen Fotostopp ein, genießen die Aussicht und fahren weiter Richtung Val di Vui.

So unscheinbar der Col de Lys in der Karte auch erscheint, fahrerisch ist er ein Leckerbissen. Klein, schmal, unübersichtlich durch dichte Wälder führend – einfach herrlich zu fahren, weil für den Schwerverkehr gesperrt. Namensgeber ist übrigens der gleichnamige Fluss Lys, der dem Lysgletscher unterhalb der so genannten Vincent-Pyramide entspringt, einem 4.215 Meter hohen Gipfel im Monte Rosa-Massiv.
In Vui halten wir uns links und fahren auf einer immer schmaler und abenteuerlicher werdenden Straße ins Val di Vui. Im Zweiten Weltkrieg war hier Partisanenland. (https:/www.westalpen.eu/malciaussia.htm).

Die steinerne Brücke „Ponte il Forno“ aus dem 14. Jahrhundert lässt uns spontan anhalten, sie bietet ein schönes Fotomotiv.







Nach einer kleinen Gruppe von Serpentinen halten wir erneut – zwangsläufig: es werden Bäume gefällt, ein Bagger steht mitten auf der Straße.

Wenig später versperrt uns ein Tieflader den Weg und wir werden rund um die kleine Kirche „umgeleitet“.

Dann aber haben wir freie Fahrt – und fühlen uns wie in einer anderen Welt. Eine tief zerklüftete Landschaft mit sattem Grün und hohen Bergen begleitet uns bis zum Stausee Lago di Malciaussia.



Hier, auf 1805 Metern Höhe, endet die schmale Straße; ein kleines Refugio am Ende des Weges lädt zum Kaffee.

Der Lago di Malciaussia ist einer der grössten künstlichen Seen im Piemont. Seine maximale Tiefe liegt bei 24 Metern, der Umfang beträgt etwa 1,96 km. Der See entwässert die „Stura di Viù“, die in der Nähe von Turin in den Po mündet. Der Staudamm des Sees wurde in den 1930er Jahren zur Stromerzeugung gebaut. Das Wasser erreicht durch Stollenleitungen den Ortsteil Crot von Usseglio, Dort befindet sich das zweitgrösste Wasserkraftwerk des Val di Viù befindet. 48 GWh Strom werden dort produziert, was in etwa dem Verbrauch von 16000 Familien entspricht.

Für den Materialtransport während der etwa dreijährigen Bauzeit des Staudamms wurde seinerzeit eine sogenannte Decauville-Schmalspur-Eisenbahn gebaut, die auf einer teils abenteuerlichen und exponierten Trasse durch das obere Tal führt. Die Schienen wurden nach der Fertigstellung des Staudamms grösstenteils abgebaut, auf der ehemaligen Bahntrasse kann man heute von Margone in etwa drei Stunden zum See wandern. Die schmale Straße, auf der wir unterwegs waren, wurde erst Jahre später, vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges, zu militärischen Zwecken gebaut.
Wir fahren wieder zurück und genießen noch einmal die unglaublich kurvenreichen Straßen.

Die alte Kirche von Usseglio und das benachbarte „Museo Civico Alpini“ hatten schon auf der Fahrt talaufwärts unser Interesse geweckt; leider sind die Pforten des Museums, ebenso wie der der „Chiesa di Maria Vergine Assunta“ verschlossen. Die Kirche, deren Bau mehrfach wegen Geldmangel unterbrochen wurde, konnte erst 1935 fertiggestellt werden, auch da war der Innenraum noch unvollständig.









Ein kurzer Fotostopp noch an der „Cappella degli Olmetti“. Die Wallfahrtskirche soll auf das Gelübte eines Fischers zurückgehen. Im Inneren befindet sich eine antike Säule, die als wundtätig und als erster Ort der Anbetung gilt.
Das Gebäude aus dem Jahr 1738 ist auf drei Seiten von einem eindrucksvollen Säulengang umgeben, der die Pilger vor dem Wetter schützen sollte. Bis vor einigen Jahren stand vor der Kirche eine große, jahrhundertealte Ulme, die leider gefällt werden musste.





Wenig später biegen wir ins Val di Ala ab. Ganz am Ende, auf 1.850 Metern Höhe, liegt das Rifugio Citta di Cirie. Hier wollen wir zu Mittag essen. Die Lage ist fantastisch: vor uns türmt sich ein mächtiger Gebirgszug auf – fast hat man den Eindruck: hier ist die Welt zu Ende.

Wir fahren hoch bis zur Terrasse, genießen die Aussicht und das fantastische Essen. Vor allem die „Tortellini del Plin“ – mit Käse und Kräutern gefüllte Teigtaschen, die typisch sind für das Piemont – sind ein Genuss.









Auf schmalen Wegen geht es anschließend hinauf zum Colle della Dieta, ein kurzer Fotostopp, bevor wir uns wieder hinunter nach Viu „stürzen“ und noch einmal über den Colle de Lys fahren.



Am Col de Lys treffen wir uns zur Kaffeepause. Ein leckerer Blaubeerkuchen wartet auf uns.



Am späten Nachmittag starten wir zufrieden zur letzten Etappe. Jetzt geht es noch Richtung Hotel. Morgen wollen wir zur Sacra di San Michele, der beeindruckenden, dem Erzengel Michael geweihten Abtei auf dem Gipfel des 962 Meter hohen Monte Pirchiriano.




