Ein kurzfristiger Auftrag …

Ich finde, das ist eine gute Gelegenheit, endlich auch mal die schwarze R 100 ein wenig auszuführen. Die offenen und furchtbar lauten Conti-Rohre sind gegen einen chicken Auspuff von Hattech getauscht, der sonor vor sich hin brabbelt, das Navi lässt sich schnell noch an den Lenker fummeln und alles, was ich für ein Wochenende brauche, sollte in den Tankrucksack passen. Denn Koffer hat die alte BMW (noch) nicht. 

Am Montag hatte der ADCA Hessen-Thüringen bei mir angerufen. Man wolle für die im Frühjahr erscheinende Regionalausgabe gern einen Tourentipp veröffentlichen, der die Länder Hessen, Thüringen und Sachsen miteinander verbindet. Ich würde doch viel Motorrad fahren; ob ich nicht Lust hätte … Text und Bilder müssten allerdings bis zum 15. November vorliegen. 

Die Prognose des Wetterberichts ist für die nächsten Tage grauselig. Nur am Freitag und Samstag soll es noch schön sein. Ich schaue in den Kalender, nehme mir den Freitag frei und sitze kurz nach sieben auf meiner alten BMW. Die darf – dank Saisonkennzeichen – nur noch bis Ende Oktober bewegt werden. Das passt. 

Es ist ein wenig diesig und mit 6 Grad auch ein wenig kühl. Da ich (aus Zeitgründen) die ersten 100 Kilometer Autobahn fahren muss, ziehe ich vorsichtshalber noch meine knallgelbe Regenjacke drübergezogen. So bin ich gut sichtbar und der Fahrtwind bleibt außen vor.

Kurz vor dem Start, um kurz nach sieben in der Früh.

Als es hell wird kämpft sich die Sonne durch die dicke Suppe und stimmt mich hoffnungsvoll. Die nächsten beiden Tage müssen einfach gut werden.

So langsam kämpft sich die Sonne durch den Nebel.

Nach etwas mehr als einer Stunde strammer Fahrt erreiche ich die Wasserkuppe. Hier habe ich mich mit Steve verabredet, der die Fotos für die Reportage machen soll. Wir schießen ein paar erste Bilder am Segelflugplatz und vom Radom. Die markante Kuppel gilt als Landmarke und damit prägend für die Region. Mit diesem Argument konnte einst der Abriss verhindert werden. Ursprünglich für militärische Zwecke erbaut, dient das Radom heute als Aussichtsplattform. 

Tolle Stimmung hoch oben auf der Wasserkuppe.

Unser nächstes Ziel ist Point Alpha an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen. Unterwegs halten wir mehrfach an, um Schafe zu fotografieren und ein paar Fahrszenen. 

Rhönschafe im Morgenlicht.

In der Zeit, in der Deutschland geteilt war, standen sich bei Point Alpha, an der innerdeutschen Grenze, die Truppen der NATO und die des Warschauer Paktes in Sichtweite gegenüber. Während des „Kalten Krieges“ hatten die Alliierten es für möglich gehalten, dass Russland nach Deutschland einmarschieren würde – wenn, dann wohl genau hier. Das Fatale: die Amerikaner hätten in einem solche Fall die Grenze nicht verteidigt (wie man heute weiß), so dass die „feindlichen Truppen“ wahrscheinlich erst am Rhein zum Stehen gekommen wären. Ein gruseliger Gedanke …

Eine ganz neue Perspektive von Point Alpha. Rechts der Wachturm der Amerikaner.

Auf kleinen Straßen – häufig mit schlechtem Belag – ging es dann weiter zur Wartburg. Martin Luther hat hier die Bibel ins Deutsche übersetzt. Dabei soll ihm der Teufel erschienen sein, dem er ein Tintenfass hinterherwarf. Das Loch in der Wand sieht man noch heute …

Wir hätten gern ein Bild gemacht, mit der Burg im Hintergrund und vorne das Motorrad fahrend. Tatsächlich finden wir die passende Stelle und halten in einer kleinen Bucht neben der Straße. Von hier führt ein schmaler Weg auf eine Anhöhe, von wo aus wir einen tollen Blick auf die einstige „Warte“ hatten. Nur das Motorrad haben wir da nicht raufgekriegt …

Die Wartburg mal aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Nicht weit entfernt liegt Niederdorla. Wenn man den nördlichsten Punk Deutschlands mit dem südlichsten verbindet und den östlichen mit dem westlichen findet sich im Schnittpunkt der beiden Linie der Mittelpunkt Deutschlands. Den markiert heute ein großer Stein und eine Kaiserlinde. Nicht weit entfernt liegt das „Opfermoor“. 

Es gibt auch andere Methoden, den Mittelpunkt Deutschlands zu ermitteln …

Die letzten 75 Kilometer zum Kyffhäuser waren reine Kilometerfresserei auf breiten Bundesstraßen. Das „Thüringer Becken“ ist fahrerisch nicht sonderlich attraktiv. Am Ende aber liegt die alte Bergrennstrecke am Kyffhäuser. Und da wollten wir mit den letzten Sonnenstrahlen noch ein paar Fotos auf der alten Bergrennstrecke machen. Hat geklappt, sogar Bilder mit der Drohne.

Gegen 17 Uhr wollten wir im Thüringer Hof in Bad Frankenhausen sein. Steve hat fürs Magazin noch ein Interview mit dem Chef gemacht; ich konnte endlich einen Kaffee trinken. Seit heute Morgen waren wir nur unterwegs, für richtige Pausen war keine Zeit. Ein mitgebrachtes Brot und Kaffee aus der Thermoskanne mussten reichen. Dafür entschädigte das Abendessen: erst eine kräftige Soljanka mit Crème fraîche dann Thüringer Rostbrätel (eine marinierte Scheibe vom Schweinenacken, die über Holzkohle gegrillt wird) mit Schmorzwiebeln und Bratkartoffel, anschließend noch ein Nachtisch: Rote Grütze mit Vanilleeis – einfach lecker.

Vor dem Schlafengehen bin ich kurz noch mal zur Oberkirche spaziert. Deren Turm neigt sich mittlerweile deutlich mehr zur Seite als der schiefe Turm von Pisa. Das musste ich mir natürlich noch anschauen.

Ganz schön schief, der Kirchturm von Bad Frankenhausen.

Als ich am Samstagmorgen in Bad Frankenhausen los gefahren bin, war es wieder sehr nebelig und ausgesprochen kalt. Die Sonne kämpfte, konnte sich aber noch nicht durchsetzen. Die Wiesen und Felder links und rechts der Straße waren mit Raureif überzogen, der Asphalt aber (noch) trocken.

Wieder kämpft sich die Sonne durch den Morgennebel

Ein Stück Autobahn lag vor mir, um rechtzeitig in Greiz sein zu können. Ich habe lange überlegt, ob das bei den geringen Sichtweiten eine so gute Idee sei. Aber, kaum auf der Bahn, war der Nebel weg 😉

Ein erstes kurzes Päuschen habe ich in der Klassikerstadt Weimar eingelegt, die ersten Fotos haben wir in Greiz gemacht, der „Perle des Vogtlandes“; ein wirklich sehr malerisches Städtchen.

Fotostopp in Greiz

Nicht weit davon die Göltzschtalbrücke; die größte Backsteinbrücke der Welt. Die wurde aus Ziegeln gebaut, weil der dafür benötigte Lehm in der Nähe reichlich vorhanden war. 1846 wurde mit dem Bau begonnen, täglich wurden rund 50.000 Ziegel gebrannt. Man mag sich garnicht vorstellen, was da damals los war.

Blick auf die imposante Göltzschtalbrücke, über die heute noch die Eisenbahn fährt.

Dann waren „nur noch“ Fotofahrten angesagt. Wir hatten uns eine nette Kurve rausgesucht und durch die musste ich mindestens 20mal fahren. Mal wurde mit dem Tele fotografiert, dann mit dem Weitwinkel. Mal musste ich mehr rechts fahren, dann wieder mehr links. Hat aber Spaß gemacht …

Gegen Mittag hatten wir alles im Kasten und ich konnte wieder nach Hause fahren. Die ersten Kilometer auf dem Rückweg war ich noch auf kleinen Straßen unterwegs. Und so konnte ich am Waldrand ein schönes „Abschiedsfoto“ zur Erinnerung machen.

Das letzte Bild bei Sonnenschein

Die ersten 140 Autobahnkilometer nach Hause waren monoton, aber erträglich. Kaum hatte ich in Knetzgau zum Tanken angehalten – und um endlich was essen zu können – fing es an zu regnen. Die restlichen 220 Kilometer waren dann naß und kalt …

Gleich nach der Pause fing es an zu regnen …

Insgesamt liegen zwei tolle Tage hinter mir. Die alte R 100 hat sich wacker geschlagen. Nur die Kupplung trennt schlecht. Manchmal war es schwierig den Leerlauf einzulegen. Das wird sich beheben lassen. Im März darf sie wieder auf die Straße …

Die letzten Tage noch mal ausgenutzt. Auch wenn es am Ende doch noch mal nass wurde …

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